Verbotene Früchte
Geschrieben von Dr. Blogbauer am 20. September 2011 | Abgelegt unter Literaturkritik
María Teresa, eine junge, schüchterne Frau, hat gerade in der besten Eliteschule Argentiniens zu Zeiten des Falklandkrieges als Aufseherin angefangen. Es herrscht allgemein eine vermuffte Atmosphäre, die stark durch die Militärdiktatur geprägt ist. Marías Aufgabe ist es, streng auf das Aussehen und Benehmen der Schüler zu achten und jede kleinste Verfehlung zu ahnden, und geht in ihrer Aufgabe vollkommen auf. Und sie möchte sich bei ihrem direkten Vorgesetzten, dem Oberaufseher Herr Biasutto, durch besonderes Engagement lieb Kind machen. Also bemüht sie sich mit allen Kräften, einen Jungen des Rauchens zu überführen, und greift zu einer ungewöhnlichen Methode: Sie schließt sich heimlich, ohne Kenntnis ihrer Vorgesetzten und Kollegen in einer Kabine des Jungenklos ein. Während sie mucksmäuschenstill dahockt und alles versucht, um ja nicht irgendwie entdeckt zu werden, lauscht sie. Hört, wie die Schüler rein- und rausgehen. Nimmt wahr, was da vor sich geht, wenn ein Junge vor dem Urinal steht. Von ihrem Horchposten aus erhält María Einblicke in eine Welt, die Frauen im Allgemeinen verwehrt bleibt. Da María auch sonst noch sehr naiv ist, muss erst einmal lernen, auf die Eindrücke angemessen zu reagieren – und das ohne aufzufallen. Allerdings wird sie eines Tages entdeckt! Nicht von einem Schüler. Von Herrn Biasutto, ihrem Chef. Was sich dann daraufhin entspinnt, gleicht einer Spirale aus Macht und Gewalt, die sich vor allem aus dem Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden und der Unbedarftheit der jungen, naiven María speist.
Der Roman „Sittenlehre“ des argentinischen Autors Martín Kohan erzählt die skizzierte Geschichte. Es ist eine Geschichte darüber, wie Überwachung in einer restriktiven Gesellschaft funktioniert und welche Faszination davon ausgehen kann. Konsequent erzählt Kohan aus der Sicht der Täter, derjenigen, die sich irgendwelche Menschen erwählen, um sie zielsicher, mit allen erdenklichen Mitteln zu Delinquenten zu machen. Da Kohan in seiner herrlichen Sprache fast jedes Detail minutiös beschreibt, entsteht fast automatisch, aus der Sprache heraus eine Dimension, die stets bei moralisch verwerflichen Vorgängen mitschwingt, aber zumeist außer acht gelassen wird: die erotisch-sinnliche Dimension. Ja, es hat etwas Erotisch-Sinnliches, wenn man jemand bei Dingen beobachtet, die man unter normalen Umständen nie wahrnehmen kann, die sogar mit Tabus belegt sind.
Insofern ist „Sittenlehre“ ein wichtiger, zum Denken anregender Text. Ein Text, der den Leser tief hineinzieht in ein Geschehen. Diese Möglichkeit der Einblicknahme ist viel wertvoller, als wenn dasselbe Thema in Talkshows verhandelt wird, in denen die Moderatoren schon das Ansinnen abwehren, den Zuschauer mit neuen Gedanken zu versorgen, die denselben in die Lage versetzen könnten, das Ganze umfassender zu beurteilen.
Literatur ist eine besondere Form der Realität. Sie ist die profunde Auseinandersetzung mit Realität. Nur die tiefgehende Einsicht ins Ganze und die Bewusstwerdung all seiner Aspekte bringt weiter: den Menschen, das Thema, die Problemlösung. So gesehen, ist der vorgestellte Roman Kohans ein weiterer wichtiger Beitrag zur Debatte um Überwachung und Unrecht.